#005 - 28.10.13

TIME SLAUGHTER!

von schlomo

Jeder Kampfspiel-Fan hat sich vermutlich schon das eine oder andere Mal vorgestellt, sein eigenes Kampfspiel zu designen. Die großen Vorbilder Street Fighter, Mortal Kombat oder Tekken bieten mehr als genug Inspiration, und das Ersinnen von Charakteren und deren Moves und Hintergrundgeschichten ist ein sehr kurzweiliger kreativer Prozess. Bei den meisten Hobby-Gamedesignern endet das Projekt aber an demselben Ort an dem es begann, auf dem Papier. Um ein Spiel zu kreieren braucht es leider mehr als „nur“ einen kreativen Kopf. So ein Spiel braucht Grafiken, Sounds, und programmiert werden will es dann auch noch. Welcher 16-Jährige hat schon für all diese Aufgaben das Talent bzw. das Personal?

„Time Slaughter“, erschienen 1996, stellt den vermutlich einzigen Fall dar in dem zwei Freunde im Teenageralter (Ethan „Hellbent“ Petty, Grafiker, und Icer „Smegma“ Addis, Programmierer) es tatsächlich schafften, ihr eigenes Kampfspiel zu verwirklichen. Nicht nur das, Time Slaughter wurde seinerzeit tatsächlich an zahlende Kunden verkauft, und zwar als Produkt von Bloodlust Software, dem eigenen Softwarelabel der Zwei, auf dem vorher schon einige andere selbstprogrammierte Spiele erschienen waren. Time Slaughter, jedoch, war (und ist) zweifellos Bloodlusts Magnum Opus.



Eins vorweg: Time Slaughter ist kein brillantes Kampfspiel… auch für 1996er Verhältnisse ist es eher unterdurchschnittlich. Okay, es ist vom reinen Gameplay her ziemlich mies. Aber was das Spiel zu einem besonderen Exemplar unter den Independent Spielen macht, ist - abgesehen von der reinen Tatsache dass dies das Produkt zweier sehr talentierter Teenager-Programmierer ist - seine krude, unpolierte Ästhetik. Das unprofessionelle Voice Acting, die holprige Animation, die hässliche Grafik die irgendwie ihren ganz eigenen Charme ausstrahlt, sowie der politisch unkorrekte Humor und der großzügige Einsatz von Blut und Gewalt, der von einem Spiel aus den Köpfen zweier 17-Jähriger zu erwarten ist. Kurz gesagt, Time Slaughter wirkt extrem sympathisch und witzig, weil es genauso aussieht wie ein Kampfspiel das ich als Teenager mit meinen Freunden designt hätte: Bunt, blutig, und voller Humor ohne Rücksicht auf Takt und guten Geschmack. Wenn ich drüber nachdenke würde ein Kampfspiel von mir und meinen Freunden heute wahrscheinlich auch noch so aussehen.



Nach einem Schluck Säure können die Verhandlungen beginnen.

In dem ziemlich schwunglosen aber ausführlichem Intro wird uns die Story des Spiels präsentiert: Wissenschaftler William Spade hat es geschafft eine Zeitmaschine zu entwickeln, aber nun haben außerirdische Wesen die sich „Takar“ nennen von seiner Erfindung Wind bekommen. Es stellt sich heraus dass die Existenz der Zeitmaschine für den „Ratchkar“, den Gott der Takar, als Sakrileg gilt. Nun stehen die Takar in William Spades Labor um die Zeitmaschine in ihre Gewalt zu bringen. Klingt für mich wie eine großartige B-Movie Handlung.



Au.

Spade weigert sich, die Maschine auszuhändigen und wird daraufhin aufs übelste malträtiert, bis es ihm gelingt die Maschine mit seiner Nase zu aktivieren und die Takar vorerst loszuwerden.


Schwer entstellt und ohne Arme gelingt es dem Wissenschaftler trotzdem irgendwie seinen beschädigten Körper zu reparieren. Aus William Spade wird der Cyborg „PORTAL“, und er ist nun darauf aus, alles zu bekämpfen was dem nun unkontrollierbar gewordenen Zeitportal entspringt.


Auf dem Select Screen des Spiels stehen uns dann die verschiedenen Charaktere zur Auswahl, unter ihnen der Steinzeitmensch Ug, der Renaissancekünstler Pierre, Vlad Dracula persönlich, oder auch Savage, der Cagefighter aus einer dystopischen (was auch sonst) Zukunft. Jeder Charakter hat ganz Kampfspieltypisch seine eigene Hintergrundgeschichte und Motivation zum käpfen. Kannibale Mojumbo kämpft weil er hungrig ist, Künstler Pierre kämpft weil Leute mit blauen Flecken einfach viel farbenfroher aussehen, und der blinde japanische Krieger Jinsoku kämpft weil ihm all diese lauten Geräusche und faulen Gerüche Angst machen.


Die eingangs schon erwähnten Grafiken sind wirklich nichts schönes, aber gerade das verleiht dem Spiel seinen Charme. Gezeichnet wurden sätliche Grafiken des Spiels von Grafiker Ethan Petty, und zwar mit einer Maus in dem DOS-Programm Deluxe Paint 2, was durchaus Anerkennung verdient wenn ihr mich fragt. Aber so bescheiden Grafik und Animation auch sind, passen sie immerhin doch irgendwie zur grundlegenden, absurden Stimmung des Spiels. Wenn man versucht hätte ein wirklich finsteres und ernstes Spiel zu machen wäre man mit diesen Grafiken nicht weit gekommen.



Lazarus hat nach gewonnenem Kampf
die Möglichkeit einen Finisher einzusetzen.


Sieger Pierre verhöhnt Verlierer Ug.

Die Charaktere besitzen die üblichen Moves von Punches über Kicks bis hin zu Special Moves. Am Ende eines Kampfes gibt es außerdem die Möglichkeit einen todbringenden Finisher auszuführen, was natürlich von den Fatalities aus Mortal Kombat inspiriert wurde. Überhaupt ist Mortal Kombat wohl die größte Inspiration für Time Slaughter. Blut und cartoonhaftige, überspitzte Gewalt sind in Time Slaughter Standard und sorgen für viele herzliche Lacher, allein schon wenn nach zehn Sekunden des Kampfes bereits der gesamte Boden der Kampfarena mit Blut bedeckt ist. Nach dem Kampf gibt es wie in Street Fighter II eine Nahaufnahme der Kämpfer verbunden mit einer verbalen Klatsche des Gewinners. Am Ende des Spiels wartet dann Endgegner Portal auf den Spieler, und jeder Charakter hat als Belohnung fürs Durchspielen eine eigene Endsequenz.



Eines von vielen Beispielen für den schonungslosen Humor des Spiels: Der versteckte Charakter Buddy leidet am Down-Syndrom. Um ihm freizuschalten lasst im Select Screen den Cursor auf Mojumbo und drückt UP, DOWN, DOWN, DOWN und immer wieder DOWN bis Buddy vor lauter DOWN auf dem Bildschirm erscheint.

Alles in allem kann man sagen: die Sounds sind guter Durchschnitt, das Voice Acting ist amüsant amateurhaft, und natürlich ist das Kampfsystem alles andere als tiefgründig, und nur um es nochmal klarzustellen: „Time Slaughter“ ist kein besonders gutes Spiel. Es ist nur einfach verdammt unterhaltsam anzuschauen; man guckt, man lacht, und man freut sich, so etwas zumindest mal gesehen zu haben. Allein schon als Stellvertretung für jedes Kampfspiel das man je ersinnt hat und nie umsetzen konnte.

Time Slaughter Intro & Gameplay auf Youtube!
Bloodlust Software!
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