Da Cover

Die Ärzte - Le Frisur

Jahr: 1996
Label: Metronome Records
Produzent: Uwe Hoffmann

Autor: schlomo

Es erschien mir passend, die erste Kritik auf dieser Seite über das erste Album zu führen das ich mir je gekauft habe. Damals war ich 10, es war 1996, und die Musikvideos der Ärzte auf VIVA hatten mir sehr imponiert. So eine schnelle aber gleichzeitig eingängige Musik hatte ich im Radio oder auf den Platten meiner Eltern noch nicht gehört. Die Ärzte waren damals mein Einstieg in den Punkrock. Ein paar Jahre später kaufte ich mir Alben von Bad Religion und Green Day und meine Liebe zum Punk war endgültig besiegelt.

Und für all diejenigen die finden dass die Ärzte keine Punkband seien: Ich stimme zu. Selbst die Ärzte stimmen euch zu. Trotzdem ist Le Frisur eines jener Ärzte-Alben die man durchaus als Punk-Alben bezeichnen kann. Eines von zweien um genau zu sein; das andere ist natürlich Planet Punk von 1995. Selbst wenn auch Le Frisur einige Stücke enthält die stilistisch nichts mit Punk zu tun haben (wie die Mordballade Medusa Man oder das entspannte Afro von Paul Breitner) ist es doch sowohl musikalisch als vor allem auch im Geiste das punkigste Album, das DÄ je gemacht haben. Denn Le Frisur war ein Schnellschuss. Ein anarchisches Konzeptalbum über das Thema Haare. Ein Album das sich spontan entfaltete, das ursprünglich als EP geplant war, und dann durch den Wettbewerb zwischen Farin Urlaub und Bela B, den originellsten Song über Haare zu schreiben, völlig ungeplant zu einer vollen LP wurde.

Nach der perkussiv begleiteten Einleitung folgt Mein Baby war beim Frisör, ein herrlicher Punk-Kracher im Stil der Ramones, was DÄ selbst auch durch den Dee Dee Ramone Einzähler („one two three fo‘“) anerkennen. Beim darauf folgenden Vokuhila Superstar (dessen Titel ich übrigens immer als Anspielung auf die Animeserie „Mila Superstar“ verstanden habe…hatte ich recht? Vermutlich nicht, obwohl es Bela B zuzutrauen wäre) wird einem dann auch schon langsam der absurde Witz darin bewusst, ein ganzes Album über Haare zu schreiben, vor allem wenn man realisiert, dass Bela B. gerade einen 4:59 Minuten langen Song über den Vokuhila gesungen hat, mit Breakdowns, Chorgesängen und Interludes und allem drum und dran. Bei den Songs No Future (ohne neue Haarfrisur) und Look, don’t touch wird dann der spontane Entstehungsprozess des Albums deutlich: kurze rockige Punk-Nummern die klingen als wären sie am selben Tag geschrieben worden, was in diesem Kontext durchaus positiv gemeint ist.

Die zweite Hälfte des Albums ist dann die musikalisch etwas vielseitigere, mit dem eingangs erwähnten Afro…, der Comedian Harmonists-Hommage Monika und dem Metallchanson Dauerwelle VS. Minipli. Ist es Black Metal? Speed? Ich bin Metaltechnisch nicht bewandert genug um das festzumachen. Immerhin ist mir auch das feine Metal-Riffing in der 2. Hälfte von Straight Outta Bückeburg aufgefallen. Wenn man diese 2 Songs zusammenzählt ist Le Frisur übrigens nicht nur das punkigste, sondern auch das Metal-igste Album der die Ärzte! In Motherfucker 666 (keinen richtigen Titel für den Song gefunden, die Herren?) wird dann sogar noch strophenweise die Ska-Gitarre ausgepackt, und gegen Ende des Albums steht dann noch Hair today, gone tomorrow, heimlich das beste Lied des Albums. Auf die Musik und Gesangsmelodien in dem Song kann Bela B mit gutem Recht stolz sein.

Der letzte Song Kaperfahrt, adäquat im Piratengesang vorgetragen, schafft es dann leider nicht wie etwas anderes zu wirken als Füllmaterial. Macht aber nichts, denn insgesamt ist Le Frisur ein sehr, sehr gutes, leider oft unterschätztes Ärzte-Album, das vor allem durch seine aberwitzige Grundidee und den höchsten Punkgehalt auf einem DÄ-Album besticht. Ich kann verstehen wenn Songs wie Dauerwelle VS Minipli oder Monika auf einige Hörer wie Füllmaterial wirken, was sie vermutlich auch sind, doch selbst wenn sind sie immerhin witziges Füllmaterial das uns nicht langweilt. Ich vergebe, unter Umständen den „mein-erstes-Album-Faktor“ mitberechnend, 8 Punkte und danke fürs Lesen.

8/10